Zugegebener Maßen schaue ich nichtmehr so häufig ins Tageblatt. Nun habe ich es heute doch mal getan, und hab mir die Leser_innenbriefe im Tageblatt-Forum angeschaut – und da graust es einem schon.
Sicher habt ihr alle von dem von Nazis besetzten Hotel gehört. Nun auch das Tageblatt berichtete dazu und bekam einen… nunja… interessanten Leserbrief unter dem Titel „Produkt der Phantasie“
Die Berichterstattung über diesen Vorgang finde ich im höchsten Maße unbefriedigend. Woraus ist zu schließen, dass es sich bei den Besetzern um Neonazis handelt? Ist mindestens ein Besetzer dafür rechtskräftig verurteilt? Oder handelt es sich vielleicht um getarnte Linksextreme? Die bei den Gruppen bisher gefundenen Waffen – Pfefferspray und ein Schlagstock – rechtfertigen keine großen Befürchtungen. Wer die angeblich gehörten Schüsse abgegeben hat, ist ungeklärt. Oder handelt es sich dabei um Produkte einer überreizten Fantasie oder eines zu laut eingestellten Fernsehers?
Selbstverständlich kann der angeblich rechtsextreme Rechtsanwalt Rieger – wer hat das eigentlich rechtskräftig festgestellt? – Pachtverträge abschließen. [...]
Ja ne ist klar. Bewaffnete Nazis sind nicht gefährlich – und eigentlich auch keine Nazis und Rieger sowieso nicht. Gehts noch?
Rieger Bekennt sich als Nazi und die Besetzer hatten ein Banner mit der Aufschrift „Nationaler Widerstand“ aus dem Fenster gehängt… reicht das als Beleg?
Auch schön die ausführliche, fundierte und hochprofessionelle Kunstkritik zur Holzinstallation am Backeltrog:
Nach einem ersten schnellen Blick aus dem Auto heraus hat man den Eindruck, dass hier wohl einer Gerüstbau-Firma das Material vom LKW gerutscht sein muss. Doch später, nach etwas genauerer Betrachtung kommt man zu dem Schluß, dass hier Jugendliche nach einer Abi-Abschluß-Fete sehr kreativ gewesen sind. Ein gelungener, lachwürdiger [!sic] Scherz! Doch leider verhält es sich ganz anders. Da hört und liest man mit zunehmender Enttäuschung, dass dies Kunst sei. Auweia! Zur Kunst gehört natürlich, wie so oft, ein sinnesverwirrter Künstler. Das scheint hier der Fall zu sein.
Der Kurator Dr. Berg hat völlig Recht, wenn er hier von Dekonstruktion, Explosion und Auflösung spricht. Es ist äußerst erschreckend, wenn Fachleute zu solchen Erkenntnissen kommen müssen. [sic!] Es ist verwunderlich, daß die Stadt Stade sich immer wieder in Abständen solche Dinger unterjubeln läß. Die hier für nötigen Gelder wären an anderer Stelle sinnvoller angelegt. Und: Es ist schon fast eine Frechheit, dieses „Kunstwerk“ Stader Bürgern und besonders den Anliegern zuzumuten.
Tja schade – wenn man so gar kein Gespür für jegliche – auch sprachliche – Ästhetik hat.
Egal, Beschweren sie sich nicht – ich kann mich doch auch nicht gegen diesen dummdeutschen, anti-kulturelle Blödsinn wehren, der mit bei der Lektüre des Tageblatts zugemutet wird. Fehlt nur noch die Bezeichnung „entartete Kunst“. Stade, du provinzielles Opfer.
Außerdem findet sich im Tageblatt vom 31.0709 ein Kommentar des Hechthausener Volker Nutbohm , der mal wieder in stumpfdeutscher Manier fordert doch beim Gedenken ja nicht die unschuldigen Deutschen zu vergessen:
Die Aufregungen über die Stolpersteine scheint mir doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Durch Proteste aus dem linken Milieu angestachelt, wird hier eines ernsten Themas einmal mehr nur einseitig gedacht. Unschuldig waren nicht nur die genannten Bürger aus Stade, die durch Deportation ums Leben kamen, sondern beispielsweise auch Zivilisten in und um Stade, welche gegen Kriegsende durch Tiefflieger von ihren Fuhrwerken geschossen wurden. Einfach nur so, weil alliierte Flieger nichts Militärisches auf ihrer Jagd fanden. …Hier könnte das Tageblatt doch auch einmal recherchieren. Das wäre meiner Meinung nach, genauso ein Stolperstein wert ….
Ich bin froh, dass es da nur beim Wunsch bleiben wird.

